Vor kurzem bei einem Zahnarztbesuch: Ich sass auf dem Stuhl, mein Mund war weit geöffnet. Neben mir war die Zahnarztgehilfen damit beschäftigt, die Masse für einen Abdruck anzurühren. Es waren nur wenige Sekunden, in denen meine Phantasie «davongaloppierte». Es fing mit der Überlegung an, ob es möglich sei, dass die Abdruckmasse nicht fest wird. Dann ging es weiter: Was passiert, wenn mir die Masse beim Zahnabdruck den Hals hinunterläuft, dort zu einer festen Masse wird und, und, und….

Diese Gedankengebäude können Angst machen.

Als Erwachsene kann ich meine Gedanken distanziert beobachten und mich manchmal über mich selber und meine blühende Phantasie amüsieren - eine Phantasie, die manchmal verängstigt, aber auch sehr beflügeln kann und tolle, innovative Ideen hervorbringt.

 

Anders war es in meiner Kindheit. Ich war inmitten von Phantasien und Geschichten. Realität und Phantasie waren für mich schwierig zu unterscheiden.

Warum ich das erzähle? Mein Ausflug und meine Phantasien auf dem Zahnarztstuhl geben einen Einblick in einen spezifischen Aspekt der Hochsensibilität. James T. Webb nennt diesen Aspekt die «imaginäre Sensitivität» oder auch «Overexcitability“.

Auch Kinder verfügen manchmal über diese Art von Sensitivität. Sie haben im Vorschulalter z.B. imaginäre Freunde in einem imaginären Haus auf einem imaginären Planeten.

Merkmale sind eine reiche Vorstellungskraft, Phantasie, Tagträume und intensive Wahrnehmungen. Vor allem junge Kinder neigen dazu, Fiktion und Realität zu vermischen. Im Unterricht schweifen ihre Gedanken häufig ab.  Von aussen können sie unter Umständen verträumt und nicht ganz präsent wirken.

Neben der imaginären Sensitivität nennt J.T. Webb auch folgende Bereiche:

  • intellektuelle Sensitivität
  • emotionale Sensitivität
  • sensorische Sensitivität
  • psychomotorische Sensitivität

Gemeinsam haben hochsensible Kinder, dass ihre Wahrnehmungsfilter niedriger sind als bei anderen Personen. Das hat zur Folge, dass sie mehr Informationen aufnehmen und diese auch gründlicher verarbeiten. Viele dieser Kinder neigen zu einer Übererregbarkeit und Überstimulation. Eine hohe Reizaufnahme und die intensive Verarbeitung begünstigen eine Reizüberflutung. Das kann eine niedrigere Belastbarkeit und schnellere Erschöpfung zur Folge haben. Auch Gefühle, die eigenen oder die vom Gegenüber, werden intensiv wahrgenommen. Eine intensive sensorische Wahrnehmung kann sich bei den Empfindungen auf der Haut (unangenehmes Empfinden von Textilien), einer ausgeprägten visuellen Wahrnehmung, intensivem Hören oder ausgeprägtem Geruchs- und Geschmackssinn zeigen. 

In den Elternkursen «Hochbegabung/Hochsensibilität» taucht oft die Frage auf, ob jedes hochbegabte Kind auch hochsensibel ist. Die Frage wird kontrovers diskutiert.

Verschiedene Wissenschaftler aus der Begabungsforschung stellen das Konzept Hochsensibilität in Frage und sehen es als wissenschaftlich nicht erwiesen an.

James T. Webb, einer der wenigen Begabungsforscher (Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung), beschrieb seine detaillierten Beobachtungen zum Thema Hochsensibilität und grenzte diese von anderen Diagnosen ab.

Bei einigen Kindern, die ich begleite, helfen die Überlegungen und Beobachtungen aus der Literatur der Hochsensibilität dabei, sie differenzierter wahrzunehmen und besser zu verstehen.

Mehr Inputs und Austausch mit anderen Eltern zum Thema Hochsensibilität gibt es im Elternkurs im März in Zürich.

nach oben