Perfektionismus wird in einen funktionalen und einen dysfunktionalen Bereich unterteilt. Beide verbindet das grosse Streben nach Vollkommenheit. Beim funktionalen Perfektionismus ist der hohe Anspruch mit der Bereitschaft, Fehler zu machen, verbunden. Dieses Streben treffen wir auf eine positive Art zum Beispiel im Sport, in der Kunst und auch in der Musik an. Beim dysfunktionalen Perfektionismus vermeidet die betroffene Person Fehler so gut als möglich. Bei Personen mit perfektionistischen Tendenzen scheinen deren Eltern mit ihren Erwartungen oder ihrer Kritik, sei es in der Vergangenheit oder auch in der jetzigen Lebenssituation, eine grosse Rolle zu spielen.

 Perfektionismus hat viele Gesichter

Leo (7 Jahre) ist ein sehr zurückhaltendes und scheues Kind. Unser Austausch fliesst zäh vor sich hin. Ganz anders zeigt sich seine Innenwelt: Sie ist farbenfroh und voller überquellender Phantasie. Seine Gedankengänge sind komplex, er stellt sich schwierige Fragen und denkt darüber nach. Deutsch ist nicht seine Muttersprache. Das, was er fühlt, verbindet sich am liebsten mit der Sprache seiner Mutter. Sicher fällt es ihm leicht, all die tollen Fragen und komplizierten Gedanken in seiner Muttersprache zu äussern. Leo hat hohe Ansprüche. Auch beim Sprechen möchte er keine Fehler machen. Das hemmt ihn und macht es schwierig für ihn, sich in der Schule frei und aktiv zu äussern.

Mia (11 Jahre) liebt dreidimensionale Projekte. Sie setzt ihre Ideen sehr geschickt und handwerklich gekonnt in Karton um. Dabei fällt auf, wie exakt sie arbeitet. Schon wenige Millimeter Abweichung stören sie mächtig. Was im gestalterischen Kontext zu wunderbaren, hochwertigen Projekten führt, verursacht im Schulkontext Schwierigkeiten. Dort fällt sie durch ein sehr langsames Arbeitstempo auf. Sie möchte alles ganz exakt und genau machen, möglichst ohne Fehler.

Michi (8 Jahre) ist ein sehr kreativer Denker. Eine Idee nach der anderen entspringt seinen Gedanken. So entstehen Zeichnungen für Projekte, die er mit Karton dreidimensional umsetzt. Es gibt Momente, in denen es beim Bauen anspruchsvoll wird. Das verunsichert Michi, denn dann denkt er, dass er das nicht kann. Wie bewusst Michi das wahrnimmt, weiss ich nicht. Was ich beobachte, ist, dass auf einmal alles andere wichtig wird: die Wandfarbe, der Baum im Garten, das tolle Erlebnis mit seinem Freund. Diese Beobachtungen haben gemeinsam, dass sie von Michis Gefühl, etwas nicht zu können, ablenken.

Merkmale von Kindern mit dysfunktionalem Perfektionismus:

  • hoher Selbstanspruch
  • Angst vor Fehlern, Unsicherheit
  • niedrige Frustrationsgrenze und wenig Übungsbereitschaft
  • geringe Startmotivation
  • hohe Bedeutung der Fremdbeurteilung
  • Ordnungsliebe
  • Langsamkeit

Perfektionistische Kinder haben ausserordentlich hohe Ansprüche und möchten gleichzeitig möglichst keine Fehler machen. Das kann zu Vermeidungsstrategien führen. Ein Kind möchte nicht vorlesen, ein anderes genügt seinen Ansprüchen beim Schreiben nicht, wieder ein anderes geht dem Rechnen aus dem Weg. Eltern beschreiben auch, dass ihr Kind Dinge nur dann in Angriff nimmt, wenn es diesbezüglich schon fortgeschrittene Fähigkeiten hat.

Grundlegend für die Begabungsentwicklung ist, wieviel Zeit mit diesem Begabungsfeld verbracht wird. Beim Vermeiden wird die Zeit für das jeweilige Lernfeld reduziert. Ein Teufelskreis entsteht.

Perfektionismus bei Erwachsenen

Ja, es gibt sie, die Berufe, in denen eigentlich keine Fehler vorkommen sollten. Ich denke da an einen Neurochirurgen, eine Pilotin oder einen Bauingenieur. Auch ein Musiker oder eine Balletttänzerin strebt nach Vollkommenheit. Das treibt sie in ihrem künstlerischen Prozess an. Damit verbunden sind viele Jahre der intensiven Auseinandersetzung mit einem Fachbereich. Der Umgang mit Ansprüchen und das Vermeiden von Fehlern sind dabei passende Verhalten.

Aber auch uns Erwachsene kann ein dysfunktionaler Perfektionismus in unseren Lern- und Problemlösefertigkeiten lähmen und so unser Wohlbefinden einschränken.

Bei Erwachsenen kann sich das z.B. so äussern:

  • exzessives Kontrollieren, und zwar gleich mehrmals. Man muss überprüfen, ob man selbst, aber auch andere keine Fehler gemacht haben.
  • wiederholen und verbessern, und zwar so lange, bis das Ergebnis perfekt ist
  • übermässig planen und organisieren in Form von übertriebenen Listen und intensivem Studieren von „To-do“-Listen mit dem Effekt, dass für das Tun zu wenig Zeit bleibt
  • Schwierigkeiten, sich zu entscheiden, da man bei all diesen Möglichkeiten ja falsch liegen könnte
  • hinauszögern, da man ja scheitern und den eigenen Ansprüchen nicht genügen könnte
  • Das kann so weit gehen, dass man Situationen aus dem Weg geht.

(angelehnt an http://www.portalgesund.de/perfektionismus.php)

Was brauchen die Kinder?

Wie können die Eltern ihre Kinder darin unterstützen, dieses Spannungsfeld zwischen IST- und SOLL-Zustand positiv zu nutzen? Es sollte ein Spielfeld geschaffen werden, das zum Experimentieren anregt und als Herausforderung für ein Lernen erlebt wird. In diesem Spielfeld können Fehler Helfer sein und den Weg zum nächsten Lernschritt weisen, sodass nicht nur die perfekte hochwertige Leistung zählt, sondern auch die Freude und Neugierde am Lernen eine grosse Rolle spielen darf.

Nun zurück zu Leo, Mia und Michi:

  • Leo (7 Jahre) ist eher wortkarg, scheu und will sich nur äussern, wenn er sicher keine Fehler macht.

Was denken Sie, braucht Leo in seinem Lernprozess? Soll der Schwerpunkt in der korrekten Rechtschreibung und Anleitung darin oder eher in lustvollen, lustigen Spielen und Gesprächen, in denen Fehler im Moment keine Rolle spielen, liegen?

  • Mia (11 Jahre) ist eine sehr exakte, handwerklich begabte Jugendliche. Im Schulkontext hat das leider den Effekt, ein eher langsames Arbeitstempo an den Tag zu legen.

Soll Mia mit ihren 11 Jahren noch exakter werden, z.B. indem man ihr handwerkliche Arbeiten gibt, die feinmotorisch noch anspruchsvoller sind, oder wäre mit experimentellem Arbeiten (Malen, Brainstorming, Schreiben etc.) im Moment mehr geholfen?

  • Michi (8 Jahre) ist ein sehr kreativer Denker. In den Momenten, in denen er meint, etwas nicht zu können, fängt er an, auszuweichen.

Soll Michi in den Ideen, die ihm beim Ausweichen in den Sinn kommen, bestärkt werden oder soll man ihn liebevoll auf seine Gefühle ansprechen und ihn unterstützen, weiter an den Aufgabenstellungen zu arbeiten, auch wenn es vielleicht schwierig ist?

Einige Fragen zur Selbstreflexion

  • Wie gehen Sie mit Ihren eigenen Ansprüchen um?
  • Wo erleben Sie diese als hilfreich, wo eher hemmend?

Beim Beobachten ihres Kindes mit der Frage, was ihr Kind in seinem Lernprozess im Moment braucht:

  • Ist im Moment die Motivation, Neugierde, Freude am Lernen sehr wichtig oder sind gerade keine Fehler angesagt und es soll hohen Ansprüchen genügen. Sind es Ihre Ansprüche oder die Ihres Kindes?

Gerne begleite ich Kinder mit einer stärkenorientierten Förderung kombiniert mit der entwicklungsfördernden Kommunikationsmethode Marte Meo in meinem Atelier. So stärke ich Kinder in ihrem Selbstvertrauen und rege Eigenkräfte und Problemlösefertigkeiten an.

https://www.artcoaching-berweger.ch/kinder-jugendliche

Macht Ihnen das perfektionistische Verhalten Ihres Kindes Sorgen? Möchten Sie sich darüber austauschen? Zögern Sie nicht, mich unter 079 691 68 81 anzurufen oder mir eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu schreiben.

Weitere Informationen unter https://www.artcoaching-berweger.ch/eltern

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