Heute gestaltet Manuel, ein 8-jähriger Junge, in meinem Atelier. Manuel interessieren Wasserwelten und besonders Wale. Wie sie alle heissen und in den kleinsten Details aussehen, weiss er genau.  Auf seiner Zeichnung tummeln sich die unterschiedlichsten Wale. Einige sind riesig, andere klein. Die einen haben einen Buckel, andere sind stromförmig. Was sie alle gemeinsam haben, ist ihr möglichst naturgetreues Aussehen. Die Wale sind nun alle gezeichnet und nun braucht es neben der Wasserlandschaft auch Wasserpflanzen. Bei diesen kennt sich Manuel nicht so gut aus. Nach den ersten Zeichenstrichen verschwindet Manuel auf das WC. Sie denken nun, dass das nichts zur Sache tut. Die Minuten vergehen. «Der Aufenthalt in der Toilette dauert etwas länger als sonst», denke ich. Nach einiger Zeit klopfe ich an der Tür. «Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung?» Ich höre ein undefinierbares Brummen.

 

Vermutlich ist Manuel selbst nicht ganz klar, warum er hier schon so lange sitzt. Ich frage, ob etwas mit dem Bild nicht in Ordnung sei. In dem Moment stürzt Manuel aus der Toilette und verschwindet irgendwo im Garten. Jetzt wird mir klar, dass irgendetwas im Bild nicht so ist, wie er sich das wünscht. Sein Widerwillen gegen das Gezeichnete ist so stark, dass er nicht weitermalen kann. Ich finde Manuel hinter dem Gartenhäuschen. Dort versuche ich im Gespräch herauszufinden, was nicht seinen Vorstellungen entspricht. Manuel meint, dass die Wasserpflanzen nicht so aussehen, wie er sie von Fotografien her kenne. Es braucht viel Zureden, bis Manuel sich darauf einlässt, die Pflanzen auf seinem Bild nochmals anzusehen und Lösungen zu entwickeln. Im Atelier suchen wir gemeinsam Formen, Farbkombinationen und unterschiedliche Pinselstriche für die Pflanzen der Unterwasserwelt.

Diese Situation zeigt, dass Manuel einen sehr hohen Anspruch an sich selber hat, manchmal so hoch, dass er sich selber nicht genügt. Für ihn sind das schwierige Situationen, die er als sehr unangenehm erlebt.

In der Fachliteratur spricht man bei einem solchen Verhalten von perfektionistischen Tendenzen. Perfektionismus wird in funktionalen und dysfunktionalen Perfektionismus unterteilt. Beide verbindet das grosse Streben nach Vollkommenheit. Beim funktionalen Perfektionismus besteht die Bereitschaft, Fehler zu machen. Das treffen wir auf eine positive Art zum Beispiel im Sport oder auch in der Musik an. Beim  dysfunktionalen Perfektionismus vermeidet die betroffene Person Fehler komplett.

Merkmale von Kindern mit dysfunktionalem Perfektionismus:

  • hoher Selbstanspruch
  • Angst vor Fehlern, Unsicherheit
  • niedrige Frustrationsgrenze und wenig Übungsbereitschaft
  • geringe Startmotivation
  • hohe Bedeutung der Fremdbeurteilung
  • Ordnungsliebe
  • Langsamkeit

Perfektionstische Kinder haben ausserordentlich hohe Ansprüche und möchten gleichzeitig möglichst keine Fehler machen. Das kann zu Vermeidungsstrategien führen. Ein Kind möchte nicht vorlesen, ein anderes genügt seinen Ansprüchen nicht beim Schreiben, wieder ein anderes geht dem Rechnen aus dem Weg. Eltern beschreiben auch, dass ihr Kind Dinge nur dann in Angriff nimmt, wenn es schon diesbezügliche fortgeschrittene Fähigkeiten hat. Grundlegend für die Begabungsentwicklung ist, wieviel Zeit mit diesem Begabungsfeld verbracht wird. Beim Vermeiden wird die Zeit für das jeweilige Lernfeld reduziert. Ein Teufelskreis entsteht.

Für Eltern sind Kinder mit einem dysfunktionalen Perfektionismus eine grosse Herausforderung.

Aspekte, die ich in der Begleitung dieser Kinder als wichtig erachte:

  • Versuchen Sie, mit Ratschlägen zurückhaltend zu sein.

Sehr schnell gesagt ist: «Zeichne doch schnell mal eine Wasserpflanze. Schau her, so sieht sie aus. Das ist doch ganz einfach, das kannst du.»

  • Holen Sie Ihr Kind in seinen Gefühlen ab.

Beispiel: «Manuel, das findest du jetzt ganz schwierig. Ist das so?» Es lohnt sich, mit dem Kind geduldig das Gefühl zu erleben und es zu benennen. Oft kann das Kind nur schon durch dieses Vorgehen wieder neue eigene Ideen für den nächsten Schritt entwickeln.

  • Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, eigene Lösungen zu finden.

Lassen Sie das, was Ihrem Kind nicht gefällt, so genau wie möglich beschreiben. Dann soll es erklären, wie es die Stelle gerne hätte. So kann man sich z.B. die gewünschte Form der Wasserpflanze sehr exakt beschreiben lassen. Womöglich sollte die Pflanze schmaler und andersfarbig sein. Nehmen Sie einen ersten möglichen Schritt und fragen Sie, ob die Farbe geändert werden soll. Falls das nicht möglich ist, bleiben Sie beim Farbenmischen neben ihrem Kind. Lassen Sie das Kind selber mischen.

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