In Mentoraten begleite ich immer wieder Kinder, die durch ihre Kreativität auffallen. Das kann sich wie im folgenden Beispiel zeigen.

Noel ist ein hochkreatives Kind: Er möchte ein Haus bauen. Oder vielleicht doch eine Raketenrampe. Nein, es soll einen „intelligenten Tunnel“ geben, der das Licht beim Einfahren automatisch anschaltet. Der 9-jährige Junge sprüht vor Ideen. Er schöpft die ständigen Einfälle aus seinem Inneren, Beobachtungen und Wahrnehmungen in seinem Umfeld regen ihn stark an.

In der Schule hat es Noel nicht immer einfach, denn er wirkt auf die Lehrerin oft nicht ganz bei der Sache. In seinem Inneren ist der Junge jedoch alles andere als abwesend. Eben hat er durch das Fenster den Morgenhimmel betrachtet. Er ist heute eindrücklich beleuchtet, an einer Stelle ist ein seltsames Licht zu sehen. Was könnte das bedeuten? Fliegt da gerade ein Ufo durch die Luft?

 Ufos faszinieren Noel schon lange. Ab und zu zeichnet er eines. Er beginnt jenes am Morgenhimmel innerlich mit Tentakelarmen zu zeichnen, schnell stellen sich weitere Ideen dazu ein. Die Stimme der Lehrerin holt ihn in den Unterricht zurück. „Könntest du uns in paar Sätzen zusammenfassen, was wir gerade gelesen haben?“ Noel kann nicht antworten. Wie sein Raumschiff aussieht, das würde er gerne erzählen. Doch das ist nicht gefragt.

Mit „hochkreativ“ meine ich eine Art des Denkens, die sich in jedem Fachbereich zeigen kann. Auch positive Aspekte gehen mit ihr einher: Einfalls- und Denkflüssigkeit, Originalität mit innovativen und unkonventionellen Lösungen, Problembewusstsein und Flexibilität. In gewissen Berufen, etwa als Naturwissenschaftler oder als Ingenieure, bedarf es dieser Qualitäten. Kreativität in Verbindung mit Erfahrung und Fachwissen kann zu herausragenden neuen Ideen führen. Im wissenschaftlichen Jargon wird von Big Creativity gesprochen. Freud und Picasso sind Beispiele dafür.

Sie kennen wahrscheinlich die Situation, wenn mit wenigen Lebensmitteln, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, ein Essen erfunden werden soll – dann ist die alltägliche Small Creativity gefragt.

Wie sehen nun die Gedanken von Noel aus? Zunächst fächert er jeden einzelnen in verschiedenste Ideen auf. Aus ihnen ergibt sich der nächste „Gedankenstrauss“, und so weiter. Ja, man kann sagen: seine Gedanken wachsen zu einem verästelten Ideenbaum. Der amerikanische Psychologe James T.Webb beobachtet neben dem assoziativen kreativen Denken auch einen visuell-räumlichen Denkstil. Er ist geprägt von Multitasking, indem sich mehrere parallele Gedankengänge weiter auffächern.

Die Stärke von hochaktiven Kindern ist ihre Phantasie und ihr Einfallsreichtum. Im Schulalltag ist in der Regel allerdings eher ein lineares Denken erwünscht, bei dem sich ein Gedanken an den anderen reiht und zum vorgegebenen Ziel führt. Bei kreativen Kindern können diese verschiedenen Denkstile zu einer erschwerten Passung führen. Für ihre eigne Art des Denkens bleibt wenig Raum. Zudem erhalten sie wenige Lernfelder, in denen sie ihre Kreativität erproben und kennenlernen können.

Indem ein hochkreatives Kind denkend und handelnd kreativ sein kann, gelingt es ihm, seine Gedanken zu ordnen und entsprechende Strategien zu finden. Ideal sind offene Aufgabenstellungen mit anregenden Materialien und Fragestellungen und verschiedenen möglichen Lösungen. Die Frage nach der Lieblingsbeschäftigung im Winter eignet sich beispielsweise besser als die Aufgabe, einen Schneemann zu malen. Die Technik kann vorgegeben sein.

Im Rahmen einer Abklärung kann die Kreativität getestet werden, etwa mit dem "Test zum schöpferischen Denken - Zeichnerisch (TSD-Z)". Er gibt kulturell unabhängig Auskunft über kreatives Potential. Der Test wird zwar zeichnerisch erhoben, er macht aber keine Aussage über eine künstlerische Begabung.

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