Diesen Text habe ich für den Jahresbericht der Stiftung für das hochbegabte Kind geschrieben.
Mia ist ein sehr kreativ denkendes Kind, das eine Idee nach der anderen entwickelt, aber von Stimmungsschwankungen und teilweise starkenWutausbrüchen geplagt wurde. Im Kunstmentorat profitiert sie von Lernfeldern, die verschiedene Wege und Lösungen zulassen.
Auf diese Weise lernt sie sich in dieser Eigenheit kennen, strukturiert ihr Denken mehr und mehr und hat einen sehr handelnden und konkreten Umgang Wir sitzen im Atelier am Tisch, vor uns ein wildes Durcheinander an Materialien. Neben der Schachtel mit Glitzer liegt der Behälter mit farbigen Klebbändern, Scheren, Pinsel, farbige Blätter und leuchtende Filzstifte. Mia (11- jährig, Name geändert) ist in Gedanken versunken.
Welche von ihren vielen Ideen soll sie umsetzen? Schlussendlich purzelt ein wunderbarer Einfall aus ihrem Innern. Scheinbar mühelos zeigt sich nach und nach ein Gesicht mit offenem Mund, darin sind die Zähne sichtbar, einige davon haben eine gute Reinigung nötig. Daran hat Mia auch gedacht und gleich noch eine Zahnbürste dazu gezeichnet. Dieser Moment liegt einige Jahre zurück. Kennengelernt haben Mia und ich uns vor etwa 4 Jahren. Sehr beeindruckt war ich damals, bei unserem ersten Treffen, von ihrem selbsterfundenen Lied in einer selbstkreierten Sprache. Zu dieser Zeit ging es ihr nicht so gut. Mia klagte oft über Langeweile in der Schule - hingehen mochte sie damals nicht gerne. Ihren Eltern fielen die Stimmungsschwankungen und teilweise starken Wutausbrüche auf. Da gab es die Vermutung, dass Mia unterfordert sein könnte. Eine Intelligenzdiagnostik sollte dies abklären. Dabei fiel auf, dass Mia hochbegabt ist und sehr gute Testergebnisse im wahrnehmungsgebundenen logischen Denken hat und auch besonders kreativ denkt. Andere Ergebnisse, wie z.B. die Verarbeitungsgeschwindigkeit, waren durchschnittlich. In der Testsituation fiel auf, dass Mia sehr hohe Ansprüche hat und keine Fehler machen möchte. Das kann sich verlangsamend auf die Verarbeitungsgeschwindigkeit auswirken.
Grosse Spannung durch unausgewogenes Profil
Unausgeglichene Begabungsprofile, wie das von Mia, gehen für die Kinder manchmal mit einer hohen Spannung einher und sind für sie anspruchsvoll im Umgang. Kinder mit solchem Hintergrund profitieren sehr von einem Mentorat und der Begleitung ihres individuellen Lernweges, bei denen ihre Stärken viel Raum bekommen. Dasselbe gilt auch für Kinder mit sehr hohen intellektuellen Fähigkeiten, deren Bedürfnisse und Interessen den schulischen Rahmen übersteigen. Für Mia bedeutet das unter anderem, dass wir miteinander Aufgaben entwickeln, die sie intellektuell herausfordern und sie in ihrer Stärke, dem wahrnehmungsgebunden logischen Denken, abholen und ihr kreatives Denken erproben. Sehr kreativ denkende Kinder entwickeln eine Idee nach der anderen. Das kann dazu fuhren, dass sie sich verzetteln und den Überblick verlieren. Viele angefangene unbeendete Projekte können dann die Folge sein. Die kreativ denkenden Kinder profitieren von Lernfeldern, die verschiedene Wege und Lösungen zulassen. Auf diese Weise lernen sie sich in dieser Eigenheit kennen und strukturieren ihr Denken mehr und mehr. Mias besonders kreative Art zu denken, zeigt sich in vielem, z.B. dass sie neue Varianten findet, mit Materialien umzugehen, an ihrem Ideenreichtum für die Geschichten in ihren Playmobilfilmen, an der Vielfalt ihrer Gestaltungsideen bei Zeichnungen oder Innengestaltungen von Zimmern aus Karton. Manchmal brauchen Mias Ideen aber auch etwas Zeit. Dann sitzt sie am Tisch und schaut versunken aus dem Fenster oder kribbelt etwas auf ein Blatt. Auf die Frage, was ihre nächste Projektidee sei, zuckt sie mit den Schultern. Mia und ihren Ideen Zeit zu lassen, lohnt sich. Aus diesen kreativen Pausen entstehen Dinge wie ein Daumenkino, in ihrer geliebten englischen Sprache, zum Thema „Melting Ice Cream“, dann Spiele für ihren Bruder, Einladungskarten, Freundschaftshefte und vieles mehr – ein Blumenstrauss an reichhaltigen Ideen.
Potential erblüht
Entfaltet hat sich und erblüht ist auch mehr und mehr ihr Potential. Vor vier Jahren waren diese vielen kreativen Ideen auch manchmal Stolpersteine auf dem Weg zur Umsetzung von Projektideen und ihrem Lernen. Heute blickt mir eine Mia mit reichhaltigen Lern- und Entwicklungsprozessen entgegen. Sie hat sich in diesen Prozessen kennengelernt und einen sehr handelnden und konkreten Umgang mit ihren Stärken gefunden. Ihre Projekte sind mit zunehmendem Alter nochmals komplexer geworden. Einige davon bearbeitet und gestaltet sie im Rahmen ihres Mentorates. Andere, was besonders erfreulich ist, verfolgt sie ganz selbstständig, für sich. Ihre Lernmotivation und -freude ist intakt und präsent. Das zeigt sich daran, dass sie viele Stunden in der Freizeit an ihren kreativen und gestaltenden Projekten für sich arbeitet und genau weiss, was sie interessiert und wie sie ihre Ideen umsetzt. Eine Zeit lang war für Mia die Schule mit den Klassen, Lehrern und Lerninhalten ein grosses Thema. Da ging es um Klasseneinteilungen Namen von 50 Kindern, eine Garderobe, bei der jedes Kind einen eigenen Platz haben soll und vieles mehr.
Gelernt Begabung weiterzuentwickeln
Dann hat Mia ein Spiel erfunden, mit Kleiderverkauf, Kurse buchen und Kauf von Tieren mit Zubehör. Zurzeit filmt Mia gebaute Innenräume und fortlaufende, faszinierende Geschichten – all das sehr gekonnt mit spannender Kameraführung, unterschiedlichsten Stimmen. Mia und ich sehen uns heute nur noch ab und zu. Eine wöchentliche Begleitung ist schon länger nicht mehr nötig. Beim Start des Mentorats war es wichtig, Mia einen Raum zu bieten, in dem sie sich wahrgenommen fühlt, Anerkennung und Wertschätzung für ihre kreative Art zu Denken bekommt und jemanden hat, der sie in ihre Welten begleitet, wo sie ihren Gedanken so nachgehen kann, wie es für sie stimmig ist. Das hat ihr geholfen, sich mit ihren Begabungen und Stärken kennenzulernen, mehr und mehr selbstständig und unabhängig auf ihrem Lernweg voranzuschreiten und ihre Begabungen weiterzuentwickeln. Inzwischen ist Mia sehr selbstständig und autonom auf ihren kreativen und gestaltenden Lernwegen unterwegs. Mit viel Freude, Know-How und Ideen entwickelt sie ihre umfangreichen Projekte