Letzte Woche ist bei uns die Schule gestartet. Schon am Tag vorher hat sich die Ferienstimmung verflüchtigt und eine freudige Nervosität wurde spürbar. Ihr Kind ist vielleicht in der gleichen Klasse geblieben oder zu einer neuen Lehrperson und neuen Klassenkameraden gekommen. Oft beobachte ich in diesen Anfangssituationen, dass die Kinder sehr gereizt sind, schnell schlechte Laune haben und laut werden. Manchmal werden sie sogar aggressiv. Wenn Sie nun die Lehrperson fragen würden, zeigt sich dort unter Umständen ein ganz anderes Bild. Die Lehrperson würde vielleicht sagen, Ihr Kind sei unauffällig, mache gut mit, sei vielleicht eher ruhig und zurückhaltend. Dort zeigt sich ein sehr angenehmes Kind. In den Worten eines 8-jährigen Jungen: «Weisst du, Mama, in der Schule reisse ich mich immer zusammen und versuche, mein Bestes zu geben. Und wenn ich zuhause bin, lasse ich dann die Sau raus.»Es kann sich aber auch anders zeigen und die Lehrperson berichtet: «Ihr Kind ist laut, hält sich nicht an Regeln und ist aggressiv.»

 

Kinder und übrigens auch wir Erwachsenen verhalten sich ganz unterschiedlich in Anfangssituationen. Anfangssituationen sind für Klein und Gross anspruchsvoll.
Einige werden scheu, unsicher und zurückhaltend, andere eher lautstark, zeigen sich gerne und mögen Aufmerksamkeit. Sicher gibt es da noch viele andere Varianten. Kinder gehen sehr unterschiedlich mit neuen Situationen um.

Was ist in dieser Anfangssituation für das Kind neu?

• Vielleicht ist es die Lehrperson, manchmal sind es auch mehrere. Sie haben ihre neuen Strukturen, Regeln, Lerninhalte, Erwartungen. Die Beziehung, die Grundlage von gelingendem Lernen, braucht Zeit, bis sie sich entwickeln kann und auch Vertrauen entsteht.
• Die Lehrperson steht mit dieser Klasse vielleicht ebenfalls am Anfang. Auch für sie ist es eine neue Situation. Vielleicht ist sie angespannt. Manche Lehrpersonen möchten Problemen mit der Klasse vorbeugen und sind dann besonders streng, wobei sich ihre Kommunikation an den anspruchsvolleren Kindern orientiert. Viele, vor allem sensible Kinder möchten alles möglichst richtig und korrekt machen. Sie nehmen schnell und exakt wahr, was erwartet wird. Schimpfen oder sehr strenge Klassenführung irritieren sie und strengt sie sehr an, da es aus ihrer Sicht mit wenig klaren Anleitungen getan wäre.
• Vielleicht kennt Ihr Kind schon einige seiner neuen Klassenkameraden, vielleicht sind alle neu. Kinder kommunizieren ganz unterschiedlich. Einige können sich gut zu sich selber äussern, andere sind eher wortkarg. Für kommunikativ rege Kinder ist eine Kontaktaufnahme einfacher, dauert aber auch einen Moment. Mit Glück findet ihr Kind einige passende „Gschpönli“. Es kann aber auch sein, dass wenig Passung und Resonanz mit den Kindern in der Gruppe da ist. Das ist schwierig für die Kinder und oft auch nicht einfach, das als Mutter und Vater zu beobachten.
• Dann gibt es neue Lerninhalte. Vielleicht entsprechen diese gerade dem eigenen Lernprozess des Kindes und es ist bereit und offen für diese. Vielleicht ist das Kind aber schon viel weiter und kann z.B. in der ersten Klasse schon lesen und schreiben. Gerade hochbegabte Mädchen (es kommt auch bei Jungen vor) zeigen ihre Fähigkeiten manchmal nicht. Sie sind unterfordert und passen sich an. Das erzeugt Stress.

All das bedeutet für das Kind eine enorme Anpassungsleistung. Vor einiger Zeit habe ich ein Interview zum Thema Schulanfang mit einem Kinderarzt gehört. Er sagte, dass diese Anfangszeit oft bis zu den Herbstferien dauern könne. Nachher beruhigen sich diese Anfangsschwierigkeiten wieder. Als Lehrerin habe ich die Beobachtung gemacht, dass es ein halbes bis ein Jahr dauern kann, bis in einer Klasse jedes Kind seinen Platz und passende „Gschpönli“ gefunden hat.

Was braucht es von den Eltern?

Förderlich in den angespannten Situationen ist sicher:
• ruhig zu bleiben und geduldig zu sein
• dem Kind Zeit geben, sei es ganz konkret im Alltag oder bis es sich in der neuen Situation eingefunden hat
• das Kind in seinen Gefühlen zu begleiten (Marte Meo gibt dazu eine hilfreiche Anregung, den Gefühlen des Kindes wert- und urteilsfrei Wörter zu geben. So helfen Sie dem Kind, sich besser wahrzunehmen.)
• Stressmomente auch von ihrer Seite her im Rahmen zu behalten oder zu reduzieren
• für einen entspannten Ausgleich zu sorgen
• vor allem bei hochsensiblen Kindern viel Ruhe einzuplanen, an gewohnten Abläufen und Tagestrukturen festzuhalten (Weniger ist mehr.)
• bei hochbegabten Kindern genügend intellektuelle Herausforderung (möglichst nicht mit dem Stoff des Lehrplanes!), passenden Aktivitäten und Anregungen zu suchen, nach den ersten Wochen bei Bedarf auch das Gespräch mit der Lehrperson zu suchen
• das Kind möglichst in seinen eigenen Lösungsstrategien zu unterstützen

Vor einigen Jahren hat mir eine Kindergärtnerin in dieser Situation - mein Kind war zu Hause sehr gereizt und lautstark – gesagt: «Wenn dein Kind sich zu Hause so zeigen kann, wie es in diesem Moment ist und fühlt, dann ist das auch ein Zeichen von Vertrauen.»

Ich wünsche Ihrem Kind eine gute Anfangszeit im Kindergarten und in der Schule. Neben den Anspannung des Anfangs gibt es viele neue Gelegenheiten für Begegnungen, Beziehungen und Lernfelder, sei es schulischer oder sozialer Natur.

Falls Sie Sich weiter mit anderen Eltern austauschen möchten, sind Sie in der Gruppe «Elternaustausch begabt und sensibel»
herzlich willkommen. Zudem biete ich die Elternkurse «Hochbegabung/Hochsensibilität» , «Starke Eltern - starke Kinder» für Eltern von begabten und sensiblen Kindern an. Gerne unterstütze ich Sie auch mit einer Elternberatung
Elternberatung oder einem filmbasierten entwicklungsfördernden Elterncoaching filmbasierten entwicklungsfördernden Elterncoaching

Bilder Pixabay

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